Liebesbrief an meinen Schutzmechanismus

Lieber Schutzmechanismus,

schön langsam gehst du mir echt auf den Sack. Nur weil mich jemand zwei Tage nicht zurückruft, bombardierst du mich mit Gedanken und Gefühlen, dass es nicht mehr lustig ist. Okay, es ist natürlich nicht irgendjemand.

Aber trotzdem, du hast echt ein Problem, hab ich dir das schon mal gesagt? Ist dir aufgefallen, dass wenn das eine liebe Freundin von mir tut, du mir ganz andere Gedanken und Gefühle schickst? Da hat sie vermutlich einen guten Grund, warum sie sich nicht zurück melden kann. Manchmal verursachst du mir auch ein paar Sorgen, ob bei ihr eh alles okay ist und wenn es ihr dann gut geht, dann löst du bei mir Erleichterung aus. Da ist keine Spur von Ärger oder Wut, dass sie sich nicht gemeldet hat, obwohl es ihr eh gut ging. Wenn sie es einfach vergessen hat, dann ist es auch kein Problem. Kann ja schließlich mal passieren.

Aber wehe dir, es macht jemand anderer. Dann ist die Hölle los und du fährst alle möglichen Geschütze auf. Und offenbar hast du noch nicht geschnallt, dass es nichts bringt, was du tust. Denn es ist mir noch nie besser gegangen, nachdem du hochgefahren bist. Im Gegenteil, ich darf mich dann wieder zusammenreißen und beruhigen und vergeben und keine Ahnung was noch alles. Okay, manchmal hat deine Wut einen erfreulichen Nebeneffekt, denn dann ist mal ganz schnell wieder geputzt. Aber das war’s dann auch schon wieder.

So, das hat mal raus müssen!

Lieber Schutzmechanismus,

ich weiß, es gab mal eine Zeit, da warst du wirklich notwendig. Lebensrettend. Vermutlich sogar wortwörtlich. Du hast es geschafft, dass ich Situationen, die mich damals als Kind emotional überfordert hätten, trotzdem überlebt habe. Du hast Gefühle unterdrückt, Erlebnisse verdrängt und manches sogar abgespalten und scheinbar auf nimmer Wiedersehen versteckt.

Und du hast es fertig gebracht, mich soweit meinem Umfeld anzupassen, wie nötig oder möglich. Keine Ahnung, wie effektiv du dabei warst. Wenn ich mir mein Leben der letzten 15 Jahre anschaue, offenbar sehr effektiv. Hut ab, das muss dir mal einer nachmachen!

Wenn meine Eltern gesagt haben, dass dies oder jenes nicht möglich sei, dann hast du dafür gesorgt, dass ich das auch irgendwann glaube. Du scheinst überhaupt die meiste Zeit damit beschäftigt gewesen zu sein, mich davon zu überzeugen, dass die Eltern und die anderen Erwachsenen immer Recht haben. Sie wissen es halt einfach besser. Oh und fragen . . . Stell bloß keine Frage ein zweites Mal, wenn sie dir beim ersten Mal schon nicht beantwortet wurde. Am besten stell gar keine Fragen – ist sicherer für dich. Und schon gar nicht jemandem, den man mit Doktor oder Professor ansprechen musste. Einer Frau Lehrerin durfte ich schon Fragen stellen. Die meisten anderen hatten es nicht so gern. Danke, liebe Frau Stock.
Aja, und Professor Flieger, dem gilt auch mein Dank. Ich hatte mich auf die Mathe-Stunde immer gefreut : )

Zurück zu dir, mein lieber Schutzmechanismus. Ich danke dir, dass du mich durch meine Kindheit gebracht hast. Du hast deine Aufgabe erledigt. Erfolgreich, denn ich lebe noch.

Aber jetzt reicht es!

Du brauchst mich nicht mehr vor den „Großen“ beschützen.
Du brauchst mich nicht mehr zurückhalten, wenn ich etwas hinterfragen möchte.
Du brauchst mich nicht mehr in Angst und Schrecken versetzen, wenn mich jemand nicht sympathisch findet.
Du brauchst mich nicht stumm werden lassen, wenn jemand anderer Meinung ist als ich.
Du brauchst mich auch nicht lautstark diese verteidigen zu lassen, als wäre es mein Untergang, wenn der andere weiterhin bei seiner Meinung bleibt.
Du brauchst in mir keine Schuldgefühle mehr zu erzeugen, wenn aufgrund meines Handelns der Schutzmechanismus des anderen anspringt.
Du brauchst nicht mehr ne harte Sau aus mir zu machen.
Du brauchst mich auch nicht mehr als den Indianer darstellen, der keinen Schmerz kennt und mit allem alleine zurecht kommen muss.
Du brauchst mir nicht mehr einreden, dass die Dinge halt sind, wie sie sind und mir daher nichts anderes übrig bleibt, als sie zu ertragen.
Du brauchst mich nicht mehr davon abhalten, Dinge ganz anders zu machen als meine Eltern.
Du brauchst mich auch nicht mehr daran hindern, etwas Neues auszuprobieren.

Es passiert nichts Schlimmes, wenn es in die Hose geht. Dann probier ich es einfach erneut, ein bisschen anders als beim letzten mal. Oder überhaupt etwas Anderes, wenn ich drauf komme, dass es nicht so ist, wie ich mir das gedacht bzw gewünscht hatte. Ist ja kein Problem. Und wenn andere damit ein Problem haben, so ist es deren Problem und nicht meines!

Ich bin ja nicht am Leben, um mein ganzes Leben lang das Gleiche zu machen. Das ist ja öde. Und abgesehen davon, so toll war es bisher auch wieder nicht. Ja, wir kannten es halt, wie es ist. Das wars dann aber auch schon.

Schluss mit Auf-Nummer-sicher-gehen und in der alten Scheiße hocken bleiben. Kapiert?!

Ich steh jetzt auf, geh mich duschen und tu etwas, das ich noch nie in meinem Leben gemacht hab. Hat es mir gefallen, werde ich es in Zukunft öfter machen – auch wenn du was dagegen hast. Hat es mir nicht gefallen, brauchst du gar nicht selbstgefällig grinsen, denn dann probier ich einfach das Nächste aus : )

In Dankbarkeit und auf nimmer Wiedersehen!

Tiana

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